Die internationale FabLab-Bewegung erreicht Hamm

Und was machst du?

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“    (Immanuel Kant)

 

„FabLabs sind der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Untätigkeit.“   (FabLab Hamm-Westfalen e.V.)

 

„Ich kaufe – also bin ich!“ könnte das Motto einer Gesellschaft von Shopping-Queens und Chiller-Kings sein. Passiver Konsum und verbreitete Ideen- und Visionslosigkeit anstelle aktiver und kreativer Freizeitgestaltung und Problemlösung machen weder glücklich noch schlau!

 

„Ich denke – also bin ich!“ behauptete dagegen René Descartes und meinte damit vielleicht nicht nur seine physische Existenz. Denn: Der Mensch an sich ist dank seines aktiven Geistes zur Kreativität fähig – und gibt so seiner Existenz einen tieferen Sinn. „Gestalte dein Leben! – Werde ein Macher!“ könnte somit die Aufforderung an alle Couch-Potatoes lauten.

 

Werde ein Macher! – Aber wie?

Wer etwas unternehmen will, steht alleine schnell vor Herausforderungen, die einem das Anfangen so richtig schwer und vielleicht auch gleich wieder verleiten können:

Wie entwickle ich eigentlich eine coole Idee? – Wer hat so etwas (ähnliches) schon einmal versucht? – Welche Werkzeuge benötige ich dazu und wie setze ich diese ein? – Welches Material soll ich verwenden? – Fragen über Fragen … Wenn man jetzt nur jemanden darauf ansprechen könnte …

Zusammen bastelt es sich weniger allein!
Kooperation ist die Lösung: Die Zeiten der Universalgenies wie Leonardo da Vinci, die sich für (fast) alles interessierten und sich im stillen Kämmerlein die damalige (zugegebenermaßen begrenzte) Welt der Wissenschaften und Technik erschlossen, sind seit langem und aus gutem Grund vorbei.

Heute bestehen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Hochschulen und Unternehmen aus multidisziplinär besetzten Teams, die mit Hilfe modernster, computergestützter Verfahren und leistungsfähiger Maschinen die Welt mit ihren Entdeckungen und Erfindungen bereichern, verbessern oder zum Staunen bringen.

Tja, wenn es einen Ort gäbe, an dem man zusammen mit anderen Interessierten an professionellen Maschinen, mit guten Werkzeugen, coolen Materialien, digitalen Medien und technischer oder kreativer Unterstützung seine Ideen umsetzen könnte … das wäre was …!

Das FabLab – Die Antwort auf (fast) alle deine Wünsche!
So viele Wüsche sind selbst für Überraschungseier oder gute Feen eine Nummer zu viel. Glücklicherweise gibt es aber dennoch einen Ort, der allen Machern (und Macherinnen!) wie der Himmel auf Erden vorkommen muß: das FabLab!

Fablabs („FabrikationsLabore“) sind kleine Hightech-Werkstätten, zumeist betrieben von Vereinen oder Hochschulen, in denen Bastler und Tüftler Dinge produzieren können, für die man sonst womöglich eine kleine Fabrik bräuchte. Und sie können und wollen ihr Wissen teilen!

„If you can think it, you can make it!“
Frei nach dem Motto „Wenn du es denken kannst, kannst du es auch machen!“ wird weltweit bereits in vielen FabLabs geplant, designt, gesägt, gebohrt, geschraubt, geklebt, gedruckt, genäht, geschweißt, gemalt, gekocht, getöpfert, gehämmert, programmiert und diskutiert.

Tolle Menschen und eine tolle Ausstattung machen dies möglich. – Eine unschlagbare Kombination, die bereits den ersten FabLabs in den USA zugrunde lagen.

Begonnen hat die FabLab-Bewegung nämlich nicht mit einem Protestmarsch auf der Straße oder Flugblättern, die vom Himmel herabregneten, sondern 1998 mit einem Uniseminar am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Dort leitete der Mathematiker und Physiker Neil Gershenfeld eine Veranstaltung mit dem Titel „Wie man (beinahe) alles macht“ („How to make almost anything“), in dem die Studenten der Universität, aber auch externe Besucher ihrer Kreativität und ihrem produktiven Drang freien Lauf lassen sollten.

Mit 20.000 Dollar, erklärt Gershenfeld auf seinen vielen Vorträgen, könne man einen privaten Maschinenpark zusammenstellen, der es mit den Fabrikhallen von Sony & Co. durchaus aufnehmen könne. – Eine coole wie revolutionäre Idee, die bald die Runde machen sollte.

Das erste FabLab außerhalb des MIT wurde 2003 in Boston eröffnet, anschließend erfolgten weltweit zahlreiche weitere Gründungen. Bald gab es Filialen in Philadelphia, New York, aber auch in den Niederlanden, Norwegen, Indien und Südafrika. Immer mehr Universitäten und Kommunen auf der ganzen Welt griffen die FabLab-Idee auf. Die Gesamtanzahl verdoppelte sich seitdem alle 18 Monate. – Ein globales Netzwerk an Mini-Fabriken entstand. Heute gibt es weit über 100 FabLabs und viele weitere sind geplant (wie auch in Hamm!).

Viele tolle Projekte erblickten das Licht der (Macher-) Welt: Jugendliche in den Ghettos von Baltimore stellen selbstgestalteten Schmuck her verkaufen ihn im Internet, norwegische Fischer bastelten GPS-Geräte und Antennen für ihre Boote und ein indisches FabLab-Team entwarf ein billiges Analysegerät für die einfache Feststellung des Fettgehalts von Milch, damit die Bauern auf dem örtlichen Markt nicht mehr ständig übers Ohr gehauen werden.

FabLabs gehören heute einem internationalen Netzwerk an und verfügen über eine weltweit einheitliche Grundausstattung, die individuell erweitert oder thematisch ausgerichtet werden kann.

Aus den Erfahrungen der ersten Jahre wurden konkrete Vorgaben und Gestaltungsgrundlagen für FabLabs weltweit entwickelt. Dieses „FabLab Pattern“ dient vor allem zur organisatorischen Unterstützung bei Aufbau und Betrieb. Die Verbundenheit wird auch durch das einheitliche Logo ausgedrückt. Außerdem formuliert eine internationale FabLab-Charter alle Ziele und Anforderungen, denen ein FabLab entsprechen soll (siehe auch „Fab-Charter“).

Viele deutsche FabLabs sind übrigens darüber hinaus im „Verbund offener Werkstätten“ organisiert, der diesen u. a. dabei hilft, die rechtlichen und versicherungstechnischen Rahmenbedingungen für den Betrieb von Werkstätten zu erfüllen.

FabLabs: Vorboten der Industrie 4.0?
Die Welt steht (mal wieder) vor einer industriellen Revolution. Eine neue Generation von Maschinen verändert die Art und Weise, wie Menschen Dinge herstellen. Das Material wird nicht mehr mit Gussformen und riesigen Produktionsstraßen in Form gebracht. Die Baupläne und Datensätze werden stattdessen mit Laser-Cuttern und 3D-Druckern in Materie umgesetzt.

Das revolutionäre Potential dieser sogenannten Rapid Manufacturing-Technologien steht jenem der Dampfmaschine vermutlich nicht nach. – Anders als bei der ersten industriellen Revolution sollen die Maschinen jedoch nicht hinter hohen Fabriktoren verschlossen bleiben, sondern auch für normale Menschen verfügbar sein!   (Ergänzender Text: Was ist Industrie 4.0?)

Laser-Cutter und 3D-Drucker waren lange Zeit große, teure Kästen, für deren Bedienung man ein Ingenieursdiplom benötigte – und ein dickes Scheckbuch.

Aber, so sagen die Visionäre, waren ja auch Computer in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einmal so groß wie Industrie-Kühlschränke, kosteten mehrere hunderttausend Dollar und waren das exklusive Werkzeug von Eliteinstitutionen wie Armee, Konzernen und großen Universitäten. Noch in den 1970er Jahren ging man in der Computerbranche davon aus, dass Menschen keinen eigenen Computer auf dem Schreibtisch brauchen – und auch nicht wollen.

Im Bereich des Rapid Manufacturing, meint beispielsweise „FabLab-Erfinder“ Gershenfeld, stehe man an einem ähnlichen Punkt der Entwicklung. Computer, Laserdrucker und Softwareprogramme haben den Menschen in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Medienproduzenten gemacht. Gershenfeld hofft nun, dass die kreativen Kräfte, die durch MP3, iPods und Internet im Bereich der Musik freigesetzt wurden, nun auch die Gestaltung und Produktion von Gegenständen und Maschinen verändern. „Wenn man den Menschen die Werkzeuge in die Hand gibt, wissen sie schon etwas damit anzufangen.“ – Oder anders ausgedrückt: Neuen Werkzeugen folgen auch stets neue Produkte und Dienstleistungen.

„First we take Manhattan, then we take Berlin.“
Vom MIT Bosten zur TU Aachen (und zu dir nach Hause)
FabLab auf deutsch: An der Eingangstür zum Aachener FabLab steht die Hausordnung: „Bitte meldet einen Defekt der Laborleitung. Haltet die Geräte sauber.“ Pragmatische Dinge eben: Regeln und Vorschriften. Doch dann folgt der letzte Punkt: „Look around, be creative.“

Das FabLab ist ein Trainingslager für eine neue Form der Medien- und Materialkompetenz. Die Luft im Raum riecht leicht säuerlich und etwas verbrannt. Neue Mitglieder, Fotografen, Bankkaufleute und Hausfrauen nehmen zum ersten Mal in ihrem Leben einen Lötkolben in die Hand. Am Ende des Raums saust der rote Lichtstrahl des Lasercutters über eine Sperrholzplatte. Noch kommen vor allem Designer, Architekten und Studenten, „Menschen, die mit Technik arbeiten.“

Die Macher in Aachen freuen sich aber vor allem über unerwartete Gäste, eine ältere Dame, die in der Lokalzeitung über das FabLab gelesen hatte und sich einen neuen Bügel für ihre antike Brille herstellen ließ. Einen Goldschmied, der mit 3D-Drucker und Fräsen experimentierte. Jeder ist willkommen, sagt er, „jeder Mensch mit einer Idee“.

Zum Beispiel Ruben Lubbes, ein holländischer IT-Manager. Lubbes ist ein Konsumverweigerer der neuen Art. „Immer wenn ich in den Laden gehe, bin ich total frustriert“, sagt Lubbes, „nie finde ich, was ich wirklich will.“ Und so nutzt er 3D-Drucker und Laser-Cutter, um seine Welt mit selbst entworfenen Dingen zu bestücken.

Do you want to be a fabber?
Im Aachener FabLab entstehen selbstentworfene Wecker, Geschenke für die Großmutter, Ersatzteile für die alte Waschmaschine, Dinge, die es so im Laden nicht gibt.

Fabber – Fabrikanten einer neuen Art – nennen sich die Aktivisten der Szene selbst, und das klingt nicht zufällig wie Punker oder Rocker, wie eine popkulturelle Bewegung mit eigenen Codes und eigener Sprache, welche die Werte des Mainstreams in Frage stellt. Fabber sind hypermoderne Heimwerker, die sich nicht länger damit begnügen, ein Gewürzregal zusammenzuschrauben, sondern die mit Design-Software und computergesteuerten Präzisionswerkzeugen ihre Ideen verwirklichen. Ersatzteile. Kunstwerke. Schnapsideen. Scheußliches und Nützliches. Baupläne und 3D-Vorlagen für derart demokratisch designte Dinge finden sich en masse auf der Webseite Thingiverse.org.

Das Universum der Dinge ist ein Marktplatz der Zukunft, ein Netzwerk, in dem sich Bastler mit Gleichgesinnten und kompetenten Kollegen über Verfahrenstechniken austauschen, oder 3D-Modelle für Lampenschirme, Spielzeug und Schmuck zum kostenlosen Download anbieten.

Mit Mouse und Malkasten: Digitale und traditionelle Fertigung Hand in Hand
Ein Besuch bei Neil Gershenfeld oder im Aachener FabLab ist wie eine Reise in die Zukunft, eine Reise in eine Zeit, in der man Produkte so einfach aus dem Netz herunterladen kann wie eine MP3-Datei. In der nicht Papierseiten aus dem Drucker fallen, sondern eine Tasse, ein Schlüssel, ein Stift. Eine Zeit, in der Menschen mit großer Selbstverständlichkeit am Computer sitzen und Baupläne für ihre Zwecke modifizieren, mit ein paar Klicks und Tastatureingaben, genau wie sie heute Videos oder ihre Urlaubsbilder bearbeiten. Aber als Zeitreisender darf man sich nicht nur darauf beschränken, den fremden Wesen über die Schulter zu schauen und sich von Zaubertricks betören zu lassen, man muss auch einen Blick aus dem Fenster werfen und versuchen zu verstehen, wie diese andere Welt funktioniert.

„Wenn alle alles machen können“, hat Neil Gershenfeld einmal gesagt, „dann verändert das natürlich auch die Regeln des Geschäfts.“

Dennoch wird sich die menschliche Kreativität nicht auf das Bedienen einer Computermouse beschränken. Traditionelle und neue Fertigungsverfahren stellen für die Macher von Morgen keinen Widerspruch dar. Da werden Standard- und 3D-Druck-Bauteile zu neuen Produkten kombiniert und CAD-Fertigkeiten mit klassischen Handwerkstechniken verbunden: Nur wer schon einmal eine Feile in der Hand gehabt hat, kann die überstehenden Grate einer laser-gecutteten Sperrholzplatte mit der notwendigen Vorsicht entfernen.

Kreativität macht weder an den Grenzen der klassischen Gewerketrennung traditioneller Handwerksberufe, noch den Möglichkeiten und Grenzen scheinbar konkurrierender Materialien halt. Die Arbeit im FabLab folgt nur einer Idee: Der Mix macht´s! – Mix, äh mach mit!